Ein Sommertagstraum

„Der blaue Siphon”: Urs Widmers großartige Erzählung von Krieg und Frieden / Von Andreas Isenschmd

Wer kann heute noch glitzernde, glücksüberstrahlte Idyllen erzählen? Wer eine Geschichte über den Golfkrieg und die A-Bombe? Wer ein Märchen für Erwachsene von — sagen wir: fünfzehn an? Und wer eine Liebesgeschichte über Lebende und Tote, die uns traurigfroh ans Herz geht?

Die Antwort: Urs Widmer. Er kann all dies aufs Mal und auf weniger als hundert Seiten — auf den siebenundneunzig seiner Erzählung „Der blaue Siphon”, die mir für zweieinhalb Stunden das Gefühl wiedergeschenkt hat, mit dem ich mich als Kind staunend in meinen liebsten Geschichten verlor, und die ich ohne Zögern ein kleines Meisterwerk nennen würde. Es glückt und entzückt durch einen verblüffenden erzählerischen Grundeinfall, den Widmer wohl aus dem Kinderfilm, wo er momentan Furore macht, in die Literatur importiert hat und der ganz mühelos allen Ernst in freies Spiel und alle thematische Schwere in moussierendes Phantasieren verflüssigt.

Widmers Erzähler, ein aus Basel stammender und in Zürich wohnhafter 53 Jahre alter Schriftsteller, der dem real existierenden Urs Widmer in Aussehen und Adresse aufs Haar gleicht (beide tragen Glatze), geht eines Freitagabends („vielleicht war es doch ein Montag”) ins Kino. Wir sind im Golfkriegswinter 1991. „Ölfelder brannten. Bomben fielen auf Städte. Raketen flogen auf der Höhe der Verkehrsampeln Avenuen entlang und detonierten an ihrem Ende.”

Als der Erzähler nach einem ziemlich rätselhaften Film über einen indischen Wahrsager („er war uralt, eine Frau vielleicht”) aus dem Kino taumelt, findet er die Welt merkwürdig verändert. „Viel Fortsetzung von Seite 1 haben andere vor ihm besorgt, er steckt nur mit wenigen Begriffen und Andeutungen das Feld ab, in dem sich seine Prosa bewegen wird — wobei er unaufdringlich einige Hinweise auf Bücher gibt, denen er Anregungen verdankt.

Und Strauß will keine falschen Erwartungen wecken: Gleich auf der ersten Seite warnt er den Leser. Er sagt über das Denken des namenlosen „Er” in diesem Buch: Es sträube sich beharrlich, „irgend etwas geduldig zu prüfen und zu wenden, wirklich zu begreifen und zu behalten”, dieses Denken wolle „in einem unentwegten Zustand der Erregung bleiben, in dem ein paar hingesprengte Gedanken einen gloriosen Erkenntnisreichtum vorgaukeln” — es existiere gewissermaßen „nur in der Gedankenflucht”.

Nicht Erzählung, nicht Einführung, was also dann? Ein Essay im besten Verstande, nämlich ein Versuch (den neueren Arbeiten Peter Handkes darin nicht, im Geiste, aber im Gestus verwandt), ein tastendes* Vorwärts ohne genaues Ziel, einem Strudel eher vergleichbar als einer logischen Abfolge; hochkonzentrierte, zur Aufmerksamkeit zwingende Prosa, deren Prägnanz und kühle Schönheit einsam und einzigartig sind. Das fordert manches vom Leser. Die Sprache schöpft aus divergierenden Vokabelbereichen, rückt erbarmungslos zusammen, was — „Data-Glove und Runenholz” — aus verschiedenen Zeiten und Sphären stammt. Neologismen und bizarre Fremdwörter finden sich zuhauf: Friß, Vogel, oder stirb! Der Leser, der sich diesem Strudel, dieser Gedankenflucht aussetzt, wird nicht mit einer These oder einer Überzeugung herauskommen: Er wird Teil des Strudels.

Und fast in einem feinen Widerspruch zu einem der das Buch durchziehenden Motivstränge steht die Beobachtung, daß man der „Beginnlosigkeit” am ehesten beikommt, wenn man von vorn bis hinten, gewissermaßen altmodisch linear liest: Die Textblöcke, Splitter, Aphorismen ergeben erst dann ein elastisches Geflecht, das trägt. Alles Blättern und rasche Anlesen läßt ratlos.

„Reflexionen über Fleck und Linie”: So lautet der Untertitel. Was hat das zu bedeuten? Zwei Begriffe aus der Malerei sind das, die hier benutzt werden, um konkurrierende Modelle des Wahrnehmens und Denkens zu umschreiben. Keine Frage, in welcher der beiden Kräfte Strauß den wärmer als vor zwei Stunden noch. Wind rauschte in den Bäumen.” Kein Verkehr, keine Straßenbeleuchtung. „In der Hottingerstraße tauchte dann doch ein Auto auf, ein lärmiger Oldtimer mit blauleuchtenden Scheinwerfern, das erste Geräusch in dieser stillen Nacht. Der Fahrer unsichtbar. Ich erschrak, obwohl ich noch nicht wußte, worüber, und begann, schneller zu gehen.”

Urs Widmer

Der Grund des Schreckens klärt sich bald und zeigt sich gar als Quell des Glücks. Urs Widmer, wie wir den Erzähler fast nennen möchten, reist aus Zürich, wo er in sein Haus („meine Heimstatt”) nicht reinkommt und ein drohender Kerl (der Liebhaber seiner Frau?) aus dem Fenster poltert, nach Basel („meiner Heimat”), trifft unterwegs „Soldaten mit riesigen Tornistern aus Fell” und wendet sich über den letzten Ausläufer des Juras, jene „Bruderholz” genannte „blaue An¬ Sieger erblickt. Eine Tendenz zur Begradigung und zur vereinfachten Kontur sieht er walten, zur Linie. Ein wesentlicher „Trug unserer Erfahrungsund Sinneswelt” bestehe darin, heißt es gegen Ende des Buches, „daß sie eine kreatürliche Tendenz besitzt, stets mehr Ordnung, auf Anhieb größere Schlüssigkeit und Kontinuität herzustellen, als tatsächlich vorhanden ist”.

Strauß spricht verächtlich vom „totalitären Begradigungsdrang” unserer Kultur. Ihm ist ein Streben nach Einfachheit und Klarheit suspekt, das so tut, „als ginge es darum, das Heil in der Befreiung von Komplexität zu suchen, im Antiorganischen, in den Fiktionen des Ebenmaßes”. Was er — das „Er” dieses Textes — ersehnt, ist der Text vor der Schrift, die Botschaft vor dem Code, der Fleck vor der Linie. Fleck: Das ist „alles seelisch Gemeinte, nicht konturierbar, in mehrdeutiger Gestalt sich verlaufend”. Oder anders: „Liebe ist Fleck, Schrift ist Linie. Gesicht ist Fleck, Schritte sind Linie.”

Was so verkürzt ein wenig wirr anmutet, wird im Buch als stetig auftauchendes Motiv reich entfaltet, ohne daß es zu einem (begradigten) referierbaren Konzept geriete. Alles Denken, heißt es unerbittlich, sei „Begradigungsdelirium”. Fleck statt Linie: Bedeutet das aber nicht, so wird nun sicher gefragt werden, daß Botho Strauß auf dem Pfad der Vernunftlosigkeit wandelt? Will er dem Denken an den Kragen? Kein Anfang, kein Ende — also kein Ziel mehr, keine Richtung?

Auch hier spielt das Leitmotiv „Beginnlosigkeit” hinein: Wenn es keinen Anfang gibt, verändert sich ebenso die Vorstellung vom Ende; der vielbeschworene Anfang vom Ende verkehrt sich gewissermaßen in sein Gegenteil. Schon damals, vor gut zehn Jahren, 1981, als Strauß mit seinem grandiosen Prosabogen „Paare, Passanten” die Reihe seiner Denk-Erzähl-Werke eröffnete, verstörte er manchen mit der Bemerkung, ohne Dialektik denke man auf Anhieb dümmer, dennoch müsse es ohne sie gehen. Nun sagt er noch deutlicher: Das Ende der Vorstellung vom Anfang zerstöre unverzüglich jegliche Idee, in drei Schritten zu denken. Dieses „Idol des Denkens” müßte vom Sockel gestoßen werden.

Das Buch „Paare, Passanten” ließ Strauß enden mit einer Wanderung durch das winterliche Venedig und dem Bild „eines alten Mannes, dem ich niemals begegnet war und den ich gleichwohl verehrte wie keinen zweiten”. Der „berühmte Philosoph”, dessen Name damals nicht genannt wurde, war Adorno. Nun, in der „Beginnlosigkeit”, finhöhe”, dorthin, wohin „die Nadel meines Kompasses von Anbeginn gezeigt hatte”, zum Elternhaus, an den Ort seiner Kindheit — wo er (und wir) aufs Mal in schockartiger Freude begreift, was geschehen ist: Er ist durchs Schlupfloch des Kinos aus dem Jahr 1991 ins Jahr 1941 geraten und tappt nun als Mann durch die Zeit, in der er drei Jahre alt war.

Er trifft seine Eitern, die jünger sind als er. Er bewundert die Schönheit seiner Mutter und sagt, nun selber Wahrsager, seinem Vater das Leben voraus.

Widmer hat die für sich schon fruchtbaren literarischen Quellen der Zeitreise und der Kindheitserinnerung kombiniert und daraus einen zauberhaften, wie ich schätze, etwa im Mai, seinem Geburtstagsmonat, spielenden Sommertagstraum entwickelt, der uns für sich allein schon höchlichst entzückte — den Widmer aber alsogleich verdoppelt: Der Erzähler erfährt nämlich von seinen Eltern, daß ihr dreijähriger Sohn tags zuvor bei einem Kinobesuch, zu dem sie ihn in Begleitung des Hausmädchens geschickt haben, um sich in Ruhe lieben zu können, spurlos verschwunden ist.

Er ahnt sofort, was wir auch gleich ahnen und was uns im zweiten Teil der Geschichte auch erzählt wird: Während sich der 53 Jahre alte Held in der Zeit seiner Kindheit rumtreibt, hat es den Dreijährigen gleichzeitig ins Jahr 1991, in die Zürcher Wohnung des Erwachsenen verschlagen, wo er sich in liebevolle Unterhaltungen mit seiner eigenen Tochter verstrickt — die, natürlich, älter als er selber (ihr späterer Vater) ist und die nun für ihn, beim gemeinsamen Ansehen des väterlichen Photoalbums, zur ‘Wahrsagerin wird. Gegen Ende det wieder eine Reise nach Venedig statt — eine unauffällige Klammer zum früheren Buch. „Friedlos” kommt der Reisende dieses Mal dort an, und die Begegnung mit einem anderen Philosophen – sein Name wird genannt: Sir Karl Popper — ist ganz real und wenig geheimnisvoll, sie findet während eines Symposiums statt.

Von Weltbildstürzen ist in „Bginnlosigkeit” die Rede, nicht vom „Sturz der Propheten” oder wie jene aktuellen Veranstaltungen sonst heißen mögen, die den Terrainverlust der Intellektuellen angesichts gewandelter Weltlage beklagen und diskutieren. Strauß meidet in seiner Schrift fast durchweg den Hinweis auf Politisches, von kleinen Ketzereien abgesehen („Das selbstbestimmte Individuum ist die frechste Lüge der Vernunft”). Daß seine „Gedankenflucht” auch Fragen der Organisation menschlichen Zusammenlebens berührt, ist freilich offensichtlich. Und einen Aphorismus zur Lage kann er sich dann doch nicht verkneifen: „Schon jetzt ist man geneigt, mit einer gewissen eilen, wiederum gleichzeitig, beide „Widmers” durch einen zweiten Kinobesuch zurück in ihre Zeit. Der alte bringt seiner Tochter von der Zeitreise seinen Hund Jimmy mit, und der kleine „Widmer” kitzelt seine heißgeliebte Gouvernante mit einer Pfauenfeder, die er bei seiner Tochter abgestaubt hat.

Widmer hat diesen Grundeinfall zu einem schillernden Kabinettstückchen ausgebaut, das jeden Kritiker in die Lage derer versetzt, die hochkomplizierte Gebrauchsanweisungen für kinderleicht zu handhabende Gegenstände verfassen. Er bummelt wie der Taugenichts durchs sommerliche Baselbiet, er inszeniert nebenher zwiefach die Rückkehr des verlorenen Sohns, sein Hund Jimmy erkennt ihn über eine Distanz von fünfzig Jahren, wie Odysseus von seinem erkannt wurde. Der Autor schafft durch Mehrfachspiegelungen Gödel- Escher-Bachsche Räume und schickt durch einen der eingebauten Filme auch Salman Rushdie noch auf eine Zeitreise, die ihn vor seinen Verfolgern rettet, er garniert sein Märchen mit kleinen freudianischen Perlen, denn seine Frau hat das gleiche Fliehkinn wie einst seine geliebte Kinderfrau, und als seine Eltern miteinander geschlafen haben, spritzt der dreijährige Held seine Mutter mit dem blauen Siphon ab, der der Erzählung den Titel gegeben hat und in dem ihre ganze Vielfalt sich kristallisiert.

Der blaue Siphon taucht, „Regenbogenfarbblitze in dem tiefen Blau”, gleich zu Beginn in einem Traum auf, den der reale Urs Widmer zur Zeit des Golfkriegs gehabt hat. Er steht fürs Ur¬ Glück der Kindheit, denn ein solcher Siphon leuchtete verheißend auf einem blauen Schrank in Posten. Bisweilen kokettiert Strauß damit. Auf einsamer Wanderung mit einem Hund auf dem Deich (eine der eindrucksvollen Bildpassagen, die es dann doch hin und wieder gibt): „Kein Mann von Welt, kein Mensch für Leute, vielmehr ein Grübler, wie der Hund ein Schnüffler war nur zum Verdecken seiner Zweifel!” Solche Zweifel und Verzagtheit ehren den Spaziergänger, den „Epochenpaßgänger”: In einer Zeit, da wir „die Alltäglichkeit der kopernikanischen Wende” erreicht haben, kann in der Tat das denkende Subjekt seiner kaum noch gewiß sein.

„Das ist in der Geschichte seiner Abgründe ein neuer Sturz des Ichs”, heißt es bei Strauß. Gemeint sind damit neueste Erkenntnisse der Naturwisenschaftler über unser Gehirn, Erkenntnisse, zu denen auch gehört, daß selbst jene Form der Forschung, die als positivistisch zu brandmarken einmal Mode war, keine gesicherte Bastion mehr ist. Die Naturforscher wissen längst: Auch ihr Boden schwankt (und sie beginnen sich ihrerseits für die Wahrnehmungsformen von Literatur und Kunst zu interessieren). Dennoch will Strauß seine Faszination nicht verbergen angesichts des Wissens über den Kosmos draußen und jenen anderen in unserem Kopf. Das ist für ihn der „rationale Rest des Heiligen Schauders”: mit unvorstellbaren Größenordnungen spielen zu können.

So wundert es nicht, daß es am Ende doch einen Anfang gibt, den Strauß mit allergrößter Ehrfurcht beschreibt: die Geburt. Staunen über „dieses zutiefst unverhoffte, verkauerte Wesen mit dem entsetzten Gesicht, das die Hebamme plötzlich in die Luft hielt”. Nanos, dem Sohn,, sind einige der berührendsten Seiten dieses Buches gewidmet. Strauß beobachtet auch hier den Weg vom Fleck zur Linie, vom Vorsprachlichen — das er vielleicht ein wenig schwärmerisch verklärt — zum Wort: „Jeden Tag brach er ein Stück Innenwelt heraus und übereignete es jenem Wiedererkennungs-Kartell, das den Spitznamen Wirklichkeit’ trägt.”

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Und was hat das alles mit Literatur zu tun? Zunächst einmal: Es handelt sich um Literatur, um eine Prosa, deren Formtradition in diesem Jahrhundert weit zurückreicht (etwa zu Paul Valery). Dann aber auch: Strauß stimmt in diesem Buch eine literaturtheoretische Diskussion mit einer Heftigkeit an, die bei ihm ungewohnt ist — wiederum nicht als Debattenbeiträger, sondern als Suchender und Fragender. Widmers Elternhaus. Er steht aber auch für das, was dieses Glück damals, 1941, wie zur Zeit der Erzählung, 1991, bedrohte: Krieg und Trennung. Denn zu diesem Siphon gehört zugleich ein Symbol des Krieges, eine „Bombe” mit Treibgas. Und was für den Siphon gilt, gilt zugleich für die ganze Erzählung: Sie wehrt sich gegen die Kriegsrealität, die von allen Seiten in sie eindringt, mit ihrem surrealen Glückstraum. Und sie grundiert dessen idyllisches Schweben mit Bildern von Krieg und Trennung, einer Filmgeschichte etwa, von der der Dreijährige nur versteht, „daß Menschen endgültig getrennt werden können, ohne Wiedergutmachung, für ewig”.

Urs Widmer hat mit dem „Blauen Siphon” eine Geschichte geschrieben, in der Italo Calvinos sechs poetologischen „Vorschläge für das nächste Jahrtausend” wie mühelos realisiert scheinen: Sie unterhält uns mit der fintenreichen Schnelligkeit eines Zauberers. Sie führt uns durch den Parallelismus der Zeitreisen und durch die eingebauten Filme in die Vielschichtigkeit waghalsiger imaginärer Spiegelungen, denen sie zugleich durch diskret versteckte Motivketten Konsistenz gibt. Alles schwebt in federleichter Leichtigkeit und bleibt doch in unwahrscheinlicher Wahrscheinlichkeit auf dem Boden sinnlicher Anschaulichkeit und präziser Genauigkeit.

Und all das ist, eine Rarität in der deutschen Literatur, tiefsinnig und extrem unterhaltend zugleich. Den Trennungen des Lebens setzt „Der blaue Siphon” die Versöhnung einer Erzählkunst entgegen, in der die Lebenden und die Toten sich für den kurzen Wink eines Leseglücks wiederfinden und in der Liebesszenen möglich sind wie die, in der der erwachsene Held auf einer Jurafahrt seiner damals zweijährigen zukünftigen Frau über den Gartenzaun zuruft: „Ich werde dich heiraten!” — und ihr einen Garfieldkleber schenkt, an den sie sich als Erwachsene dunkel erinnert.

Urs Widmer: Der blaue Siphon Erzählung; Diogenes Verlag, Zürich 1992; 97 S., 24,80 DM

Fast mit Ingrimm fragt er etwa, „ob das beängstigende Abenteuer der Selbstbegegnung”, zu dem der menschliche Verstand aufgebrochen sei, einen jungen Autor („der sich sonst als fleißiger Zeitgenosse beweist”) gänzlich unberührt lassen könne. „Müßte es ihn nicht in ebenso tiefe Unruhe versetzen wie einst den Dichter Kleist die Lektüre Kants? Muß nicht ein erkenntnistheoretischer Zusammenbruch, ein Weltbildsturz gleichsam als Initiation der glaubwürdigen schöpferischen Tat vorausgehen?”

Strauß vermag in der „reflexionslosen Kunst der Gegenwart” kaum jemand auszumachen, der sich davon erschüttern läßt. Sehr viele schöne Romane, zugegeben, sagt er, sehr viel Gelungenes, doch alles „sorgsam entfernt von den tatsächlichen Gefährdungen des Geistes, die selbstverständlich auch solche der Sprache und der Form wären”. Sein Stellvertreter-Er gibt sich als Leser zeitgenössischer Literatur ungeduldig: „Es schmerzt ihn das Lesen im Roman, jede Zeile wurde ein Streckbett, weil die Vorstellungskraft leer blieb. Weil der Geist, gleichsam als ein PIctolegastheniker, jede Einbildungskraft verloren hatte.”

Und er selbst? Es wäre ein Mißverständnis, Strauß hier zum Lobe seines eigenen Werks reden” zu hören. Dieses ist ein Buch auch und vor allem der eigenen Krise, ein Buch, das sich gewissermaßen am eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht: weil es das Quälende leidenschaftlich in Bewegung hält. Redet ein Schriftsteller von der Krise des Erzählens, ist schnell der Verdacht bei der Hand, er wolle sein eigenes Unvermögen kaschieren. Strauß ist es um ein tieferes Defizit zu tun: „Die Unmittelbarkeit der technisch inspirierten Entrückung erfährt man allerdings um den Preis ihrer epischen Mittelbarkeit.” Ein „Proust der Vergegenwärtigung” (nicht der Erinnerung) sei gefragt. Strauß behauptet nicht, daß er selbst ein solcher sein könnte. Freilich, wer sonst?

Faszinierend und staunenswert, wie Botho Strauß es wiederum geschafft hat, den Leser an einen unvermuteten Ort zu locken, wie es ihm gelungen ist, scheinbar längst getrennte Bereiche unserer Kultur in einen das Bewußtsein des Lesers aufwirbelnden Zusammenhang zu rücken. Ein kleines, ein kolossales Buch.

Botho Strauß: Beginnlosigkeit Reflexionen über Fleck und Linie; Carl Hanser Verlag, München 1992; 134 S., 28,- DM